Der Kleine Onkel

Im Mai 2013 habe ich ein weiteres Pferd gekauft, den Kleinen Onkel. Ein 11-jähriger gerade kastrierter Appaloosa (? oder vielleicht doch ein Knappstrupper…?), der seine letzten 8 Jahre in einer Box verbrachte, die er wahrscheinlich so gut wie nie verlassen durfte. Er war fürchterlich mager, hatte ziemlich deformierte Hufe, war sehr dominant und respektlos, hypernervös und extrem lauffreudig. Er hatte offensichtlich weder Erziehung noch Ausbildung bekommen. Schrecklich, was manchen Tieren angetan wird. Er war eigentlich ein Fall für den Schlachter. Aber ich hatte die Möglichkeiten und wollte es versuchen.

Alles schien neu für ihn zu sein. Er war reizüberflutet und völlig überfordert. Als ein kleiner Vogel vor ihm landete, sprang er erschrocken weg. Menschen nahm er nur am Rande wahr, Respekt hatte er gar keinen. Ich musste eine dritte Litze ziehen, um ihn am ausbrechen zu hindern.

Ich hatte einen Treibgang eingerichtet zwischen seinem Paddock und dem Roundpen, in dem wir uns einander angenähert haben. Er war sehr aufgeschlossen und lernwillig, aber es dauerte Monate, bis er anfing sich wirklich zu entspannen. Immer wieder kam er plötzlich ins Rennen, Runde um Runde im Stechtrab, immer schneller. Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis diese Attacken abflauten. Im Kreis galoppieren konnte er gar nicht. Dafür fehlte ihm die Kraft.

Nachdem er drei Monate alleine neben der Herde stand, wagte ich den ersten Integrationsversuch, der leider voll daneben ging. Dabei ist dieses schöne Foto entstanden:

Solange er körperlich konnte, attackierte er irgendein Pferd. Es sah furchterregend aus, aber es ist nichts Ernstes passiert. Diesen Integrationsversuch habe ich natürlich abgebrochen.

Ein Pferd in der Herde hatte er nicht angegriffen, einen fuchsfarbenen Westfalen. Der wurde anschliessend sein Kumpel. Passenderweise war der auch schwerfuttrig.

Das war der Startpunkt für das dauerhafte Trennen der Pferde. Der Paddock wurde in der Mitte geteilt (erst mal mit Doppelzaun…) und mein schöner runder Paddock-Trail auch. Dadurch sind zwei Sackgassen entstanden, die ziemlich weit (60-80m) voneinander entfernt verliefen. Das hat funktioniert, alle Pferde waren zufrieden.

Aber dann zog sein Kumpel aus und der Kleine Onkel war wieder alleine. Er konnte es überhaupt nicht gut ertragen, wenn die anderen „auf Tour“ gegangen sind. Er wollte nicht mitgehen, weil ihm die Entfernung zu den anderen zu gross wurde. Er war sehr ängstlich, wurde wieder nervös und trabte hoch und runter. Das ging gar nicht. Also habe ich ihm seinen Teil des Trails in der Mitte des Grundstücks durch die Wiese wieder hochgeführt zu einem Rundkurs. Dieser geringere Abstand zu den anderen Pferden reichte um ihn zufrieden zu halten.

Mit dem Norweger hätte ich den Kleinen Onkel zusammenstellen können. Die beiden haben sich zwar nicht vertragen, aber der Norweger war überhaupt nicht beeindruckt und hat den Kleinen Onkel so richtig stramm stehen lassen. Leider passen die beiden vom Futterbedarf nicht zusammen. Der Kleine Onkel braucht Raufutter zur freien Verfügung, der Norweger muss streng rationiert werden.

Nach ein paar Monaten bekam der Kleine Onkel wieder einen Kumpel, einen fuchsfarbenen Mecklenburger. Er dominierte den Neuen zwar wieder, aber sie haben sich auch immer wieder gekrault. Beide Gruppen hatten nun einen eigenen Rundkurs und waren zufrieden. Leider zog Onkels zweiter Kumpel nach ca. 1 Jahr wieder aus.

Der nächste Versuch einen Kumpel für ihn zu finden scheiterte leider. Der 5-jährige Freiberger hatte schon am 2. Tag grosse Angst vor ihm. Ich musste den Kleinen in die Leichtfuttrigen-Gruppe stellen, was fütterungstechnisch wieder eine Herausforderung war…

Nach und nach hat der Kleine Onkel sich an das Leben gewöhnt. Er wird immer ruhiger und ausgeglichener, ist dabei aber immer noch sehr einfallsreich, charakter- und willensstark und sehr kommunikativ.

 

2 Kommentare

  1. Liebe Christa,

    dass du mit deinem “Projekt” auf dem richtigen Weg bist, das erkennt jeder, der diese Beiträge liest und verfolgen kann, wie du es beharrlich entwickelst. Wer dich kennt, der weiß dann auch, welche – echte – Leidenschaft darin liegt… und welche Liebe zu den Tieren.

    Meine Fresse… ist das geil! 😉

    Aber mal im Ernst: Die Fotos die du uns hier zum Teil präsentierst, die sind einfach atemberaubend schön! Also das Bild des Onkels hier, das würden sich kleine Mädchen als Poster über das Bett hängen – und erwachsene Männer über den Schreibtisch im Büro! Ich würde es tun!

    Ganz, ganz toll!

    Danke dafür!

    • Christa

      27. Februar 2018 at 22:53

      Danke für Deinen superschönen Kommentar! 🙂 🙂
      Und tausend Dank an dieser Stelle für Deine Hilfe bei der Technik hier!
      Das Gala-Foto vom Onkel hängt bei mir über’m Fernseher 🙂

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